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Teil 4 - Landwirtschaft & Entwicklung

Hunger und Entwicklung

... 1. Teil geschrieben in Äthiopien, 2006.

!!  Am Ende lfd. Aktualisierungen mit lesenswerten Artikeln (JB)

1984 – 1985 und 1998 – 2000 gab es in Äthiopien Hungersnöte mit unzähligen Toten und Millionen von Menschen, die verarmten. Viele Hilfsorganisationen dachten ohne Analyse der Bedingungen gleich an die klimatischen Bedingungen als Ursache... Tatsache war aber, dass auch mehrere Millionen Menschen Hunger litten, die in blühendsten Ackerbauregionen lebten. „Ihre Not lag in der Politik der „freien Märkte“ und der „bitteren Medizin von IWF und Weltbank begründet“ und in der Tatsache, dass Giganten des Getreidehandels wie Archer Daniels Midlands (ADM) und Cargill Inc. (beide USA) die Getreideüberschüsse der USA loswerden konnten (Nahrungsmittelhilfe), was viele Kleinbauern in den Bankrott stürzte. Die von den Organisationen verlangte Liberalisierung des Marktes und die Finanzierung von Düngemittelimporten waren das Aus für lokale Düngemittelhersteller; Äthiopien wurde durch genmanipuliertes Saatgut (in der EU verboten; es handelt sich um sehr ertragreiche Sorten) kurzfristig zum Nahrungsmittelexporteur, konnte seinen Schuldendienstverpflichtungen besser nachkommen, musste die bereitgestellten Notreserven vor 1998 reduzieren, um dann  später in der Not US-Überschüsse in Form von genetisch verändertem Mais zu akzeptieren… „Hilfe“, die den USA dazu verhalf, genmanipuliertes Getreide zu entsorgen…Ca. 30 Prozent des vom World Food Programme (USA) gelieferten Getreides war genmanipuliert. Das äthiopische Pflanzenforschungszentrum „zur Bewahrung und Verbesserung der Feldfrüchte“ musste 1998 aufgeben. In der Hungersnot von 1998/2000 wurden die restlichen einheimischen Saatgutbestände aufgebraucht. Auswärtige Agrar- und Biotech-Konzerne konnten ungehindert durch „Schenkungen“ ins Agrarland Äthiopien eindringen. Derartige „Notprogramme“ sind daher nicht die Lösung sondern die URSACHE des Hungers.

Heute droht dem Südosten Äthiopiens wieder eine Hungersnot. Einige Millionen sind bedroht. Es scheint klar zu sein, dass daran nicht nur das Wetter schuld ist.

in: M. Chossudovsky, Global Brutal, Der entfesselte Welthandel, die Armut der Krieg, 20. Auflage, 2004, Zweitausendeins, S. 156 ff.

Diese Darstellung eines Kritikers sollte allerdings nicht einfach so stehengelassen werden! Es ist in der Tat für jede Regierung ein schwieriges Unterfangen in diesem von hohen Gebirgen (bis 4.000 m) und verschiedenen Klimazonen geprägten großen Land jede Region gleichermaßen zu entwickeln – ohne ausreichend Transportwege.

Gute Ergebnisse im Durchschnitt (lt. Statistik) lösen nicht das Problem von denjenigen Regionen, die strukturell nicht genügend produzieren! Die neuesten Zahlen belegen dies. 2004 stieg die Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen immerhin um 18,4%, Auslandsinvestitionen in diesem Sektor (z.B. Blumenproduktion der Holländer) waren 2004 so hoch wie vorher in den gesamten letzten 11 Jahren. Die Viehbestände sind die größten in Afrika und die neuntgrößten weltweit. Demnach liegt ein Hauptaugenmerk auf der Produktion und dem Verkauf von Häuten, Fellen und weiterverarbeitetem Leder (Schuhe) und der Produktion von Fleisch für den Export. Die mehr als 60 Fischarten – von denen 40 ausschließlich in Äthiopien leben – warten noch auf Entdeckung.


Awassa - Regionalhauptstadt und Handelszentrum der Südregion Äthiopiens, ca. 150.000 Einwohner

Die Bedeutung des Landwirtschaftssektors wird dadurch unterstrichen, dass dort 50% des Bruttosozialprodukts, 90% der Deviseneinnahmen und 85% der Beschäftigung registriert werden.
Zwar gab es vor 8 Jahren nur 270 Groß-/Mittelbetriebe und heute schon 991, aber nennenswerte Beiträge liefern diese nicht für den landwirtschaftlichen Sektor. Fast alle notwendigen Güter müssen importiert werden! Das soll geändert werden! Die Bedürfnisse der Landwirtschaft sollen durch eine entsprechende Industriepolitik befriedigt werden. Ich bin immer wieder beeindruckt vom Eifer der Beamten im Ministerium, entwicklungspolitische Weichenstellungen vorzunehmen. Das Bemühen ist da, der Teufel steckt immer wieder im Detail und macht die praktische Umsetzung tatsächlich schwer.
Die Schwerpunktbereiche Leder, Textil und Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen (Agro-Processing) haben Priorität. 30% aller (Industrie-)Arbeiter und Arbeiterinnen sind im Textilbereich beschäftigt. 92.000 ha sind mit Baumwolle bepflanzt. 2,6 Millionen ha könnten noch mit Baumwolle bepflanzt werden (die Größe Pakistans). 67% der Baumwollexporte gehen nach Indien, Pakistan und Bangladesch.

10% der Arbeitskräfte arbeiten im Agro-Processing. Mit der Produktion von Öl, Spaghetti, Süßwaren, Cornflakes und Orangensaft und Tomatenkonzentraten wurde begonnen. Früchte wie: Mangos, Orangen, Zitronen, Ananas, Erdbeeren und Gemüse wie: Spargel, Bohnen, Avocado u.a. werden bereits exportiert. Honig wird von dem elftgrößten Honigproduzenten und dem viertgrößten Wachsproduzenten der Welt natürlich auch erzeugt! Nr. 1 in Afrika. Nur 3% gehen davon in den Export.

Ein Kritiker wie Chossudovsky greift nur einen Aspekt heraus – der in Teilen sogar stimmen mag! - und wir Leser neigen zu Verallgemeinerungen, weil wir die Situation vor Ort gar nicht kennen…oder?

Aus Awassa lässt sich berichten, dass ich jetzt regelmäßiger Besucher einer noch nicht privatisierten Staatsfarm bin. Die ca. 1.100 ha große Farm baut hauptsächlich Gemüse und Getreide an.

Mein Interesse gilt der Produktion von Sisal (einzige Fabrik in Äthiopien; 180 ha mit Sisal Agaven bepflanzt) und Speiseöl. Die Ölpresse könnte m.E. reaktiviert werden. Sie liegt seit 7 Jahren brach. Bislang verarbeitete man Sonnenblumen. Da diese von 3 verschiedenen Schädlingen befallen wurden und der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln zu teuer sei, habe man die Produktion aufgegeben. Hat man bereits über Alternativen nachgedacht…? Man wolle „in Kürze“ mal darüber nachdenken… Offensichtlich steht diese Großfarm auch im Widerspruch zu den Ausführungen Chossudovsky’s, oder man hat sie einfach nur vergessen. Ich glaube, dass es nicht per se schlecht ist, zu privatisieren! Das kann aber wie überall keinesfalls als Patentrezept gesehen werden (ob die Privatisierung des öffentlichen Wohnungsbestandes in Dresden ein Segen für die Menschen ist, wird sich noch herausstellen…)! Für mich wird in diesem Fall  jedoch sichtbar: Entwicklung wurde in diesem Fall mit der nicht erfolgten Privatisierung behindert! Ein Investor wird/wurde gesucht, konnte jedoch bislang nicht gefunden werden! Die Ressourcen sind hier im Süden gigantisch: Sisal könnte ein Devisenbringer sein, statt importiert zu werden, gleichzeitig Strom und Dünger (wird zu 100% importiert!) produzieren und den Boden vor Erosion schützen, Zellulose liefern (Rohmaterial für die Papierherstellung), von den anderen Nutzungsmöglichkeiten für die Bauindustrie und die Produktion von Kunstgewerbe einmal ganz abgesehen.

Warum sollte für Äthiopien etwas anderes gelten als für seinen
Nachbarn Kenia, den – nach Brasilien – zweitgrößten Sisalexporteur der Welt?

JB ´06

Interessante Links zu weiteren Artikeln

"Europas Gier ist Afrikas Hunger"
in: Le Monde Diplomatique, 14.03.2008

mehr ...Teil 6 - Jean Ziegler
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"Preisspirale - Die Hungerkrise wird zur fatalen Gefahr für den Westen"

... ein lesenswerter Artikel v. 28.04.2011 im Manager Magazin!

 

http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,751705,00.html
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Hungerkatastrophe 2011 - 4,5 Mio. Menschen im Osten Äthiopiens sind gefährdet!

Ein empfehlenswerter Artikel (in Englisch!):

http://peakgeneration.blogspot.com/p/environmental-resource-collapse.html
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Afrika jenseits der Katastrophe

Eine wachsende Zahl oft demokratischer Staaten bekämpft erfolgreich die Armut. Das ist eine Chance für die Entwicklungskooperation.
Hier wird ausdrücklich auf die Entwicklung in Äthiopien Bezug genommen. Wir reisen mehrfach im jahr nach Äthiopien und können das nur bestätigen: die Entwicklung ist enorm, ganze Stadtteile entstehen neu, Straßen und Städte verändern sich rasant. Viele neue Arbeitsplätze entstehen...
in: DIE ZEIT, 10.08.2011, v. Dirk Messner

http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-08/afrika-wachstum-demokratie

 

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... unterhalb des Fotos geht es weiter!!

 


Tranport - A bottleneck to development

 

 

 

 

Ausverkauf fruchtbarer Ackerflächen in Äthiopien 

In Afrika vollzieht sich gerade eine Entwicklung, die möglicherweise gewaltige Sprengkraft in sich bergen könnte. In jedem Fall wird sie den afrikanischen Kontinent drastisch verändern. Fruchtbare landwirtschaftliche Flächen werden in riesigem Ausmaß an ausländische Unternehmen langfristig verpachtet oder verkauft. Nach Schätzung der Organisation GRAIN sollen in Afrika allein in den letzten zwei Jahren ca. 20 Mio. ha vergeben worden sein (1), eine Fläche von fast 60 % des gesamten deutschen Staatsgebietes. Tendenz dramatisch steigend.

Interessante Insiderberichte aus Äthiopien
-

... website des Deutsch-Äthiopischen Vereins ... http://www.deutsch-aethiopischer-verein.de/

Informationsblätter:

> Informationsblätter des Deutsch-Äthiopischen Vereins, 02/2010
...
http://www.deutsch-aethiopischer-verein.de/Infoblatt-2010-02.pdf

...
Informationsblätter des Deutsch-Äthiopischen Vereins 06/2012
    (noch nicht zum download, muss für 5 € bestellt werden!)

JB ´12


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